Mittwoch, 19. Oktober 2016

Von Tee, Harmonie und Smartphones

Lai fu fu (www.laifufu.de)  - das ist der richtige Laden in München, um ein Teeschiff und Teegeschirr in Puppenstubenformat zu finden.

Schon lange liebäugeln wir mit dieser, ich gebe ja zu, nicht wirklich dringlichen Anschaffung. Aber seit wir in diesem Laden eine Teezeremonie auf Taiwanesisch miterleben durften, spukt dieser Wunsch in unseren Köpfen. Und die Tees dort - sie schmeckten köstlich, putzen das Gehirn frei - wir waren wach, so herrlich konzentriert wach .... das wollen wir auch für zuhause - mit Stil!

Die junge Inhaberin begrüßte uns freundlich - konnte sich tatsächlich noch an uns erinnern, obwohl die Zeremonie schon fast ein  ganzes Jahr zurückliegt. "Sie waren in einer angenehmen Gruppe - da war es für mich leicht die Zeremonie stattfinden zu lassen", Sie lächelte das immer gegenwärtige asiatische Lächeln - aber etwas zuckt um ihre Mundwinkel. "Was war denn das Angenehme an unserer Gruppe?" fragte ich ein wenig neugierig. "Oh, Sie waren alle so interessiert und haben zugehört." - "Ja, aber ..." ich war etwas verwirrt, Was ist daran schon Besonderes, wenn man bei einer Teezeremonie zuhört und beobachtet, sich von fremder Kultur bezaubern lässt, eintaucht in andere Riten, Traditionen, die weite Welt einlädt? "Niemand bei ihnen hatte sein Smartphone oder Handy benutzt", kam es leise über ihre Lippen. "Wie, wurde die Zeremonie fotografiert und gleich gepostet?" fragte ich ungläubig. "Nein, nein, es wurde nach einer Weile in drei der letzten Gruppen telefoniert und getuschelt und es war keine Aufmerksamkeit mehr bei der Zeremonie. "Ja, haben Sie denn nicht darum gebeten, die Telefone während der Zeremonie nicht zu benutzen?" fragte ich ungläubig. "Ich war mir nicht sicher, ob ich das darf. Es sind Erwachsene, denen ich keine Vorschriften machen kann. Aber vielleicht war ich langweilig.", kommt es traurig. 

Kurz zuvor hatte ich einen Geo-Beitrag auf Arte über den hohen Wert konfuzianischer Regeln im chinesischen Alltag gesehen. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass es in der Lehre des Konfuzius um das harmonische Zusammenleben der Menschen geht. Sei es in der Familie, sei es in der gesamten Gesellschaft. Kein Teil der Gesellschaft, ob hoch oder niedrig, ob reich oder arm, ob mächtig oder wehrlos sollte gegen die Harmonie der Schöpfung verstoßen. Statt nun unzählige Regel und Gesetzte aufzustellen, propagierte Konfuzius Rituale. Ritualisierte Verhaltensweisen haben den Vorteil, dass man ohne jeden einzelnen Hintergrund und Regel zu kennen, man irgendwie das tut, was im jeweiligen Kontext harmonisch ist. Es werden so automatisch eine bestimmte Haltung und Werte transportiert und gelebt - soweit die Theorie. Konfuzius wurde erst viele Jahre nach seinem Tod anerkannt und in letzter Zeit suchen im chinesischen Kulturraum mehr und mehr Menschen das konfuzianische Ideal zu leben. Natürlich gibt es auch dort schlechtes Benehmen, aber es hat einen völlig anderen Stellenwert. Es ist nicht nur "unhöflich", es stört die Harmonie der Schöpfung - daher die Trauer der jungen Taiwanesin.

Ja, möglicherweise komme ich jetzt wie eine alte Gouvernante rüber - aber ich stehe dazu - ich habe mich fremd geschämt. Vielleicht sollte unser aller Beitrag für freundliches und friedliches Zusammenleben darin bestehen, dass wir uns respektieren und wahrnehmen. Ich meine ganz schlich und einfach, indem ich dem anderen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke. 

Samstag, 3. September 2016

Entschleunigung auf Schwedisch

Eigentlich ging nur das Backrohr kaputt. Noch nicht mal ganz, nur der Drehwahlschalter, sozusagen das Gehirn des Backrohrs. Funken, Schmurgel, etwas Rauch und Gestank. 

Spanisches Teil im Herd eines italienischen Herstellers, der zwischendrin Pleite war und jetzt unter dem selben Namen ganz andere Öfen herstellt. Der Herd war ein Direktimport über die italienische Verwandschaft, die sich da auskennt, also alles easy, oder? ODER! "Es ist nicht ganz der gleiche Drehwahlschalter, aber es ist ganz einfach. Schau wo die Drähte herkommen und dann klemmst Du dies nach da und jenes nach dort ... wie? Was verstehst Du nicht?" 
Spätestens nach dem Vorschlag den Herd ins Auto zu laden und in die Heimat zu verfrachten war klar, dass ein neuer Herd fällig war. 


Und wenn man schon mal dabei ist, dann könnte man doch noch dies und das und überhaupt. Das Ende vom Lied ist dann eine neue Küche. Ideen zur Küche, über viele Jahre geschmiedet, steigen aus dem flüchtigen Himmel schöner Vorstellungen herab in die harte Wirklichkeit. Abgesehen davon ist klar, dass die Kunst ein interessantes Leben zu führen darin besteht, kleine Hindernisse zu meistern. Ist das verstanden, führt kein Weg an IKEA vorbei.

Keine Küche von der Stange, keine vorgegebene Idee einer Möbelausstellung. Idealvorstellungen ganz eigener Art schweben durch unsere Köpfe. "Du kannst alles selber machen, ..." steht da - "... musst aber nicht." steht da auch, aber hey, wo bleibt da das interessante Leben? Jetzt sind wir viel schlauer als vorher und beim nächsten Kaffeeklatsch können wir was erzählen. Zum Beispiel, dass es niedrige, halbhohe und hohe Schubladen gibt, wobei entweder zwei hohe, vier halbhohe oder acht niedrige in einen Unterschrank passen, auch wenn ein Unterschrank mit zwei Schubladen bestellt wird, zwei halbhohe drin sind, die Fronten allerdings die hohen sind. Man kann natürlich jeweils niedrige, halbhohe und hohe kombinieren, muss nur aufpassen, wenn es Schubladen hinter einer Türe sind, die Schienen dann in andere Bohrungen geschraubt, sowie andere Fronten und Scharniere mit 153 Grad Öffnungswinkel gebraucht werden. Diese sind allerdings nicht von hause aus dabei, es könnte ja sein, dass andere zum Einsatz kommen, die es natürlich auch gibt. Ist doch nicht so schwer zu verstehen. Wir geben sowieso nicht leicht auf und nach Maria Himmelfahrt stellt uns die Spedition die Garage mit gefühlten 1001 Kartons voll. Wenn was fehlt oder was zuviel ist, dann hilft Ihnen Ihr Möbelhaus weiter, sagt der kräftige Herr von der Spedition.
Zwei Wochen intensive Zusammenarbeit zwischen Stichsäge, Bohrmaschine und Staubsauger, zwischen vorgegebenen Bohrlöchern und eigener Schnitzkunst, kleine Blessuren inklusive. Dann ist es soweit: die Küche steht und wir finden sie schöner als wir dachten, dass sie werden würde.

Mit einer kleinen Kiste überzähliger Teile, sowie einer Liste mit fehlenden Teilen finden wird uns im Möbelhaus ein. Wir sind zu früh - die Tore sind geöffnet, allerdings nur die Cafeteria ist für das Zelebrieren eines Frühstücks vor dem Einkauf im Einsatz, mit unbegrenzten Kaffee zu 50 Cent. Wir hatten schon gefrühstückt und warten in dem, von blau-gelben Engeln noch nicht besetzten Umtausch-Center.

Gute Gelegenheit zum Beobachten was um uns herum geschieht. Von Windelhose bis zu steifen, alten Knien, alle Altersstufen erklimmen die Treppe zum Köttbullar-Tempel, Start und Ziel des Ausstellungsslaloms. Mitten in der Woche, vormittags um 9.15 Uhr ...  ich wusste davon und doch staune ich immer wieder.

Die SB-Halle ist leer, die fehlenden Scharniere schnell gefunden, aber einige der gesuchten Teile gibt es nur in der Küchnenabteilung. So erklimmen auch wir den ersten Stock, reihen uns ein in die Schlange der Wohnzimmerbewunderer, der Büromöbelausmessenden, der Schlafzimmerprobierer und der Kinderzimmerspielnden ... Wann bitte kommt endlich die Küchentabteilung? Wir wollen doch nur Besteckeinsätze!

Stopp - hier wird entschleunigt. Hier darfst du dich ganz langsam vorbeischlängeln an Traum-verlorenen Mittvierzigern, die auf Boden aufgemalten Hüpfspielen ihre Kindheit wieder entdecken. Hier versuchen wir, wie beim Indianerspielen, kleine Abkürzer zu entdecken zu unserem Ziel: Besteckkästen in der Küchenabteilung. Am Infostand nachgefragt, wo die Besteckkästen sind. "Da wo die hübschen Mädels stehen", sagt sie. "Welche Mädels?" -  "Naja, da wo das Schild mit 3,99 hängt". Tief durchatmen, nicht ungeduldig werden, die Mitmenschen sehen, wahrnehmen, wie wir alle unsere ganz persönlichen Ziele verfolgen, sehr individuell, jede/r auf seine Art. Und dabei nicht vergessen: was will ich hier wirklich, was nicht ...

Und achtsam bleiben, niemanden anrempeln, nicht drängeln, Zeit atmen ...

Es muss nicht IKEA sein. Der Alltag bietet bei jeder Tätigkeit die Möglichkeit zu überprüfen: wie aufmerksam bin ich wirklich?

Die letzten Tage erinnerte ich mich oft an die indianische Weisheit: "Mediationsübungen, die das Korn nicht wachsen lassen, taugen nichts."


Donnerstag, 2. Juni 2016

Durch Raum und Zeit


Selbst dem Dichter zeigt sie die kalte Schulter. Sein „Verweile doch, Du bist so schön…“ verhallt folgenlos. Die Zeit, sie kommt nicht wieder und wenn man den Trick mit der Wiederholung versucht, kommt nicht dasselbe dabei heraus. Die Vernunft weiß das natürlich, aber das Gefühl möchte doch so gerne. Manchmal findet man sich auch in einer Wiederholung wieder, obwohl man das nicht vorhatte und dann geschehen Dinge, die sich irgendwie merkwürdig anfühlen. Soweit ich das feststellen konnte, eignen sich „aufgeladene“ Ort für solche Erlebnisse gut. Also etwa Wallfahrtsorte und da hatten wir auf unserer letzten Italienreise eine reiche Auswahl.

Via Francigena: Ponte della Madalena - Provinz Lucca
Da windet sich ein alter Pilgerweg über den Apennin, die „Via Francigena“ die wohl auch am Monte Amiata vorbeiführte und dort im Kloster San Salvatore im Jahr 876 erstmals als Name auf einem Pergament auftaucht. Dieser Weg heißt so, weil er von Frankreich kommt, aber es gibt Vermutungen, dass eigentlich Canterbury in England der Ausgangspunkt ist. Wenn man das Wort „Pilgerweg“ hört, denkt man irgendwie an einen Feldweg oder jedenfalls etwas Schmales, auf dem man zu Fuß unterwegs ist. Aber das ist nicht die einzige Fehleinschätzung. Pilgerwege haben auch so etwas wie ein Einzugsgebiet und manchmal bilden sich darin Orte erhöhter Anziehungskraft, die so einem Pilgerweg eine Kurve aufzwingen. Da haben wir zum Beispiel Assisi.

Assisi
Assisi lag nicht direkt auf unserer Route, aber wie gesagt, die Anziehungskraft ist enorm und die letzten Besuche lagen immerhin 50 und 30 Jahre zurück und nein, wir waren damals keine Kinder. Da braucht man gar nicht erst darüber nachzudenken, ob man noch etwas wiedererkennt.
San Damiano nahe Assisi
Assisi wurde die letzten 800 Jahre praktisch von einem Mann geprägt. Es fing relativ harmlos an. Er riss sich auf dem Hauptplatz die Kleider vom Leib, weil er sich von seinem Vater nichts mehr sagen lassen wollte und rannte nackt aus der Stadt. Er wurde Franziskus gerufen und er war von einer unglaublichen Konsequenz. Er hat ein Leben geführt, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Als er sich im Jahr 1207 von seinem Vater lossagte war er 25, als er starb 44 Jahre alt. Bald nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen. In nur 19 Jahren hat er Spuren hinterlassen, die größer nicht sein könnten.
Basilika San Francesco
Wenn man auf dem Vorplatz der Basilika steht, braucht man nicht gläubig zu sein, um zu sehen, dass sein Beispiel noch heute Spuren legt. Dort finden sich eine Stele und ein kleines Holzboot. Die Stele erinnert an das Schicksal der Armenier vor 100 Jahren und das Boot an die Überfahrt von 9 Menschen von Libyen nach Lampedusa. Auf der Grünfläche wird durch eine Hecke das Wort „Pax“ gebildet. Denkmäler nach Art des hl. Franziskus.

Zu seinen Lebzeiten kümmerte sich Franziskus um die Armen und Kranken, baute eigenhändig die verfallene Kapelle San Damiano auf. Er zog Gleichgesinnte an, setzte eine Bewegung in Gang, obwohl er das eigentlich so nicht wollte, wie es heißt. Was ihm wirklich am Herzen lag, ließ er blind und krank kurz vor seinem Tod aufschreiben. Wir kennen das Lied als den Sonnengesang
Plastik in San Damiano

Und als wir ganz still und alleine am frühen Morgen in San Damiano vor der Kapelle standen - da zwitscherten die Vögel in dem umliegenden Olivenbäumen und Zypressen sein Lied.

Dienstag, 26. April 2016

... und plötzlich ist es Mai

Die Zeit ist einmal mehr im Flug vergangen. Vor fast 3 Monaten habe ich hier den letzten Eintrag geschrieben und nun frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Obwohl, das Wetter scheint auch noch etwas hinten an zu sein.


Die Zeit, was ist das eigentlich? Dichter und Denker, Wissenschaftler und Laien, kurz wir alle fragen uns das. Aber wie auch immer die Antwort lauten mag, meistens bleibt nur übrig: sie fehlt uns. Wenn viel zu tun ist, weil nicht alles hineinpasst, was man sich vorgenommen hat, sie fehlt uns wenn es schön ist, weil das Vergnügen zu kurz scheint. 
„Wenn in Eile, gehe langsam.“ – so lautet eine chinesische Spruchweisheit. Wir sagen: „Eile mit Weile.“
Tatsächlich ist es eine interessante Erfahrung, unter Termindruck Dinge bewusst langsam, aber kontinuierlich zu tun. Das Gehirn sperrt sich, Panik versucht sich breit zu machen, aber dann scheint sich die Zeit zu dehnen. Eine unwirkliche Ruhe kehrt ein und die Arbeit erledigt sich scheinbar von selbst.
„Gut gebrüllt Löwe!“ Aber was tun wenn man – so wie ich jetzt – merkt, dass die Zeit einfach weg ist? Dann schauen wir doch mal, ob die verschwundene Zeit Spuren hinterlassen hat. Ist irgendetwas angebrannt? Ist das zu schmiedende Eisen wieder kalt? Liegen da ein paar Scherben am Boden? 
Wie, die Welt hat sich einfach weitergedreht? Darf die Welt das?
Oh ja - und sie tut es auch. Schon lange. Sehr lange.


Am letzten Sonntag haben wir mit Hilfe von Freunden einen weißen Fleck auf unserer Landkarte erkundet. In der Nähe von Wessobrunn gibt es den Paterzeller Eibenpfad. Dort stehen seltene Exemplare der ältesten heimischen Baumart, den Eiben. Es ist ein Mischwald und die Eiben sind in der Minderheit, einige der etwa 2.000 Bäume sind entlang des Pfades hervorgehoben, aber die meisten entziehen sich dem flüchtigen Blick. Sie sind bis zu 1.000 Jahre alt aber höchstens 20 Meter hoch und werden von einer 50-jährigen Fichte locker in den Schatten gestellt. Manche sind hohl, andere gespalten, wieder andere umgestürzt. Die Eiben sind giftig, ungeheuer vital und alle scheinen eine Persönlichkeit zu haben. Wenn man die Hand an ihren Stamm legt spürt man etwas ... Zeitloses.




Sonntag, 14. Februar 2016

Randnotiz: Zeitgeist

Da klingelt ein etwa 20-jähriger Mann aus New York an der Türe, der Ostereier aus der Slowakei anbietet, um – wie er sagte - mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich meine: New York, Wien, Prag und dann … Türkenfeld? Ostereier? Dann, auf der Suche nach Haikus, die ich vor Jahren irgendwo notiert hatte, finde ich 35 Jahre alte Fotos. Aufgenommen zu einer Zeit, in der ich fast so jung war, wie der New Yorker Ostereierverkäufer. Kurz danach klingelt es an der Türe und da steht Hansi – ein Lama. Nein, kein tibetischer Schriftgelehrter, sondern ein südamerikanischer Vetter des Kamels. Ein Zirkus gastiert in der Nähe und Hansi ist auf Werbetour.
Ausgelöst durch ein Sammelsurium verschiedener Dinge und Ereignisse, die irgendwie vor langer Zeit in meinem Leben eine Rolle spielten, habe ich eine Art Flashback. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen sich die Sichtweise schlagartig verändert. So habe ich damals die Welt gesehen, so sehe ich sie heute. Was für ein Unterschied. Der junge Mann mit seinen Ostereiern: wäre ich in seinem Alter jemals auf so eine Idee gekommen? Nie und nimmer, aber was dann? 
Da war das Berufsleben. Es waren die wilden Tage der Computerindustrie. Das Buch „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas Hofstadter war Pflichtlektüre. Humor war von der Sorte „Per Anhalter durch die Galaxie“. Computer waren sperriges Schwermetall. Wenn die Tanten fragten: „Was machst Du denn beruflich, mein Junge?“ kam ich ins Stottern. Faxe versenden war der letzte Heuler und Internet Zukunftsmusik. Da konnten schon mal Dinge passieren, die nicht so geplant waren. Manchmal war es die Technik, manchmal Politik, aber öfter wusste keiner woran es genau lag – „Murphy’s Law“ genügte als Erklärung völlig. Die Welt stand offen und „The Sky is the Limit“ war das Mantra. Karriere war nicht Thema, das lief so nebenbei und war sowieso etwas anrüchig.
Wassermann-Zeitalter war angesagt: Psychotherapeuten, Schamanen, spirituelle Lehrer aller Richtungen hatten Köcher voller Methoden und Techniken im Angebot. Nichts war zu exotisch oder abgehoben: Atemtechniken, Schwitzhütten, Wirbeltanz, Feuerläufe, kaltes Wasser, warmes Wasser, in Höhlen, auf Gipfeln oder in der Wüste. Und dann die Ökologie, zurück zur Natur, die Erde bestellen und sich friedvoll von selbstgezogenen Gemüse ernähren. Es gibt kaum etwas, was wir ausgelassen haben. Da war die Idee Lamas zu züchten: Ich hatte eine amerikanische Fachzeitschrift abonniert, Farmen besucht, Vorschriften für die Haltung eruiert und wirtschaftliche Überlegungen angestellt. Ich mag diese Tiere, sie haben ein starkes Herz, sich riechen gut und sie schauen einen an, als könnten sie direkt in die Seele blicken.
Wenn ich so zurückschaue, möchte ich an einen ganz großen Schutzengel glauben. Wir haben das alles ohne nachhaltige Schäden überstanden, es war nie langweilig und wir können Geschichten erzählen. Ich hoffe, der junge Mann aus New York hat auch einen Schutzengel, damit er eines fernen Tages Geschichten erzählen, schmunzeln und an den Tag denken kann, als er Ostereier in Türkenfeld anbot. Die Welt fühlt sich ganz anders an als damals.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Ostereier

Faschingsdienstag, später Nachmittag, es wird dunkel...
Es läutet an der Türe. Ein kleiner Mann, dunkelhaarig, dunkle Augen, erdfarbene Haut. Er hält uns einen Korb entgegen: "Wollen Sie handbemalte Ostereier kaufen?
Die Denkmaschinerie springt an. Nordafrikaner! Vorsicht! Ich kaufe nichts an der Türe! Ist das eine Falle um ins Haus zu gelangen? Stehen andere dunkle Typen um die Ecke?
"Ich komme aus Amerika und bereise Europa" kommt es in tatsächlich amerikanisch gefärbten Deutsch. "Sprechen Sie Englisch?" 
"Sie kommen aus Amerika, um Ostereier zu verkaufen???" Wir sind verdutzt, neugierig und  - Gott sei Dank - gemeinsam nicht sehr ängstlich. Die Unterhaltung wird auf Englisch weiter geführt. 
"Ja, ich bin Student und will die Menschen in Europa kennen lernen." Wir bitten den kleinen Mann herein, bieten ihm ein Glas Wasser an und er schenkt uns eine Stunde spannendes Mitreisen kreuz und quer durch Italien, Österreich, Deutschland. Seine Eltern sind nach Amerika ausgewandert. Sein Vater Italiener, seine Mutter Japanerin - klein, quadratisch, dunkelhaarig - heute keine leichte Reisekleidung, um offene Ohren und Türen zu finden.
Die handgemalten Ostereier - von einer Freundin aus der Slowakei - wunderschön - auch sie verdient ein wenig mit. 

Aber für Alex sind sie hauptsächlich der Türöffner, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Er verkauft so wenige, dass die Finanzierung seiner Reise damit utopisch wäre. Vor Weihnachten lagen in seinem Körbchen Kerzen - da sprach er mit Menschen in Südtirol und staunt noch heute, dass diese dort ganz natürlich Italienisch und Deutsch sprechen und manche sogar Ladinisch...

Aschermittwoch - die Eier liegen zum Verschenken bereit. Es sind die ganz großen, die Gänseeier. Ihr Geist bewacht das Haus und lässt Menschen mit fröhlichen Herzen, spontanen Ideen und großer Neugier auf das Leben willkommen herein.
Danke Alex für die spannende gemeinsame Zeit und gute Reise!

Mittwoch, 6. Januar 2016

Einmal Zimmer streichen oder besser gleich umziehen?

Drei Töpfe Farbe, viel Weiß, wenig Gelb, etwas Blau, Abdeckfolien, Pinsel, so schwierig kann dies doch nicht sein... Donato und ich sind, was Renovierungsarbeiten betrifft, ein seit 35 Jahren gut eingespieltes Team.

Wie immer, steckt die Tücke im Detail, sprich in all den vielen, vielen Handgriffen, die wir vorher nicht explizit planen konnten.

Was bedeutet es die "Schaltzentrale" der Mozartstraße 6 völlig neu zu gestalten? Die vielen Kabel abzubauen, zu sortieren, neu zu strukturieren? Was bedeutet es, neue Möbel zusammen zubauen, die jetzt darauf warten mit Ordnern, Hängekarteien, Schachteln und Schächtelchen gefüllt zu werden? Und die alten Kästen? Ab in den Keller? Dort warteten noch ältere Kästen, um gesichtet und entsorgt zu werden...

Nun, Ihr könnt Euch vorstellen, dass dieses Projekt nicht in fünf Tagen zu erledigen war. Keller-räumen beschäftigt uns seit zwei Monaten. Auf dem Wertstoffhof warteten sie mittlerweile schon mit dem Schließen, wenn wir nicht wenigstens einen Müllsack vorbei gebracht hatten.

Die letzten Monate in 2015 waren für uns eine herausfordernde, aber auch besondere Zeit. Es war ein großes Aussortieren, Ausräumen, uns frei machen von Altlasten. Dieses Aus- und Aufräumen empfehle ich sonst immer in meiner Praxis - auf Körperebene mit Hilfe kraftvoller Tröpfchen... Hier half nur zähes "Dranbleiben", Putzeimer, Staubsauger und konsequentes Entsorgen. Na ja, und natürlich auch der eine oder andere Cappuccino zwischendurch.


Wir freuen uns - denn es hat sich gelohnt. Donatos Büro ist in unseren Augen wunderschön geworden, viel leichter, viel fröhlicher als zuvor. Jetzt gibt es dort auch einen kleinen Bistrotisch für unsere Cappuccino-Pausen (nicht im Bild - bleibt verborgen). Aus-Zeit, in der Bilder und Vorstellungen für Präsentationen geschmiedet werden, Texte für Zeitungen und Handouts "auftauchen". Hier ist die Traumschmiede neuer Gartengestaltung, unbekannter Urlaubsorten, für Wanderrouten und Einladungen... Wir haben wieder ein "Zuhause" in einer sich völlig neu anfühlenden Umgebung - Raum für Kreativität ist geschaffen.


Wir sind umgezogen von 2015 nach 2016.  Es war ein weiter Weg....
Ich wünsche Euch Allen ein gesundes, kreatives und kraftvolles neues Jahr!

Freitag, 18. Dezember 2015

Wintersonnwend 2015

Jeden Morgen brennen die Lampen länger in den Vormittag hinein. Nachmittags begrüßt eine dicke brennende Kerze vor der Haustüre die Patienten - es dämmert schon wieder...
Wie lange dauert es denn noch bis zur Sonnenwende? Wann endlich haben wir 21.Dezember???

Wintersonnenwende - für mich ein ganz wichtiger "innerer" Feiertag, mein persönliches Weihnachtsfest. Ich will mit Ihnen eine Geschichte teilen, die mir vor vielen Jahren, ich weiß nicht mehr wo, zugetragen wurde:

Unsere Vorfahren, vor vielen, vielen Hunderten von Jahren, waren der Meinung, dass die Wiederkehr des Lichtes nicht selbstverständlich ist. Sie hielten es für möglich, dass die Welt in eine nicht enden wollende Dunkelheit abgleitet. Als die Tage nur noch sehr, sehr kurz waren begannen sie zu fasten. Sie wollten sich ganz leicht machen, damit sich Mutter Erde wieder dem Licht - der Sonne - zuwenden kann.

Ich gebe zu, vielleicht mussten sie fasten, da die Nahrung immer spärlicher wurde. Aber warten Sie ab, wie die Geschichte weiter geht. 

Am dunkelsten Tag feierten sie dann folgendes Ritual: 
Alle Menschen gingen zur "heiligen Höhle". Das war ein Felsspalt oder eine tatsächliche Höhle, auf deren Eingang genau zur Wintersonnwend-Mittagzeit die spärlichen Sonnenstrahlen fielen (wenn sich die Sonne denn zeigte an diesem Tag). Diesen besonderen Sonnenstand hatten sie über viele Jahre Beobachten herausgefunden.
Und dort warteten sie, auf das Licht, auf das, was ihr Herz aufleuchten ließ. Und dann, genau dann, wenn die Sonne auf den Höhleneingang fiel, kam eine junge Frau aus der Höhle getreten und sie trug ein kleines Kind auf dem Arm. 

Und die Menschen wussten: Mutter Erde hat es wieder einmal geschafft - sie hat sich dem Licht zugewendet.
Und dann feierten sie. In der Geschichte heißt es drei Tage lang. Sie feierten und aßen sich voll, bis die Bauchschwarte spannte und waren zuversichtlich, die noch folgenden dunklen Tage gut zu überleben, bis es wieder lichter, heller, wärmer wurde...

In diesem Sinne - am kommenden Montag einen Wintersonnwendtag mit etwas Zeit zum Innehalten. Machen Sie sich leicht, helfen Sie Mutter Erde, sich wieder dem Licht zuzuwenden.
Und dann einen fröhlichen Jahresabschluss.
Ich grüße Euch/Sie mit einem Bild der letzten Rosen aus unserem Garten - November 2015 - sie werden wieder kommen!



Dienstag, 17. November 2015

Sterben üben

Sterben üben

Ganzheitliche Trauer- und Sterbebegleitung, drei Jahre lang durfte ich mit sieben Co-Autorinnen an einem Buch zu diesem Thema schreiben. Wir sind gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Danach konnte ich zunächst keinen Artikel, kein Buch mehr zu diesem Thema lesen, ich konnte das Wort Sterben nicht mehr hören. Drei Jahre Sterblichkeit als zentrales Thema waren mir zunächst zu viel … doch sie waren prägend und dafür bin ich sehr dankbar.
Ich bin älter geworden, je nach Lebensperspektive würden einige sagen, dass ich alt bin. Selbst empfindet man das Alt-werden zunächst gar nicht. So einige Zipperlein, die gab es schon länger, ich maß ihnen zunächst keine Bedeutung zu.
Im Kopf bin ich immer noch 25 und erwarte von mir entsprechende Leistungen. Ich bin ein wenig beleidigt, wenn es im Alltag dann doch nicht so schnell geht, oder wenn ich nach erfülltem Plan ein, zwei Tage erschöpft bin. Hat das mit Alt-werden zu tun?
Irgendwann in den letzten Monaten begriff ich, es geht tatsächlich nicht mehr alles so wie bisher. Da musste ich mir eingestehen, dass die Schmerzen daher kommen, dass ich mich übernommen habe, beim Wandern, beim Putzen, beim morgendlichen Körpertraining. Mein Körper bockt! Auch beim Essen – die Umstellung kam schleichend – nicht mehr so viel Fett, nicht mehr so große Portionen, nicht mehr so spät am Abend… die Lieblingsspeisen liegen schwerer auf, ein wenig Enzyme hier, ein wenig Bitterstoffe da. Auf einmal sah ich mich umgeben von Fläschchen und Flaschen – ganz wie Oma damals …
Der aktive Lebensabschnitt im Außen neigt sich unerbittlich dem Ende entgegen - was kommt jetzt, was kommt danach? Sterben üben … schießt es mir durch den Kopf. Ja genau, was ich hier wahrnehme ist Sterben im Kleinen: Loslassen von liebgewordenen Gewohnheiten, von bewährten Arbeitsschritten, von durchorganisierten Wochenplänen. Es war schon immer da – doch habe ich es bisher nie so deutlich bemerken wollen – dieses Auflösen gewohnter Strukturen, dieses Platz machen für unbekanntes Neues.


Ich lade Sie ein, gemeinsam mit mir einen Schritt zurück zu treten und mit etwas mehr Abstand auf das eigene Leben schauen. Ich lade Sie ein, dies auch zu tun wenn Sie noch ganz jung sind und/oder einen gewaltigen inneren Widerstand spüren. Warum? Sterben ist das einzige, was uns in unserem Leben sicher ist - alles andere ist es nicht. Wenn ich diesen Gedanken zulasse, dann ist eine heilsame Konsequenz daraus, mich auf das einzig Sichere, das große Finale, vorzubereiten, in meinem Tempo, meinem Wesen entsprechend, in kleinen Schritten.
Das Leben ist weder gut noch schlecht, weder freundlich noch unfreundlich, weder gerecht noch ungerecht, das Leben ist. Und es gibt uns täglich Gelegenheiten zu lernen, zu üben, zu achten und zu beobachten – es kommt und geht – mal in absehbaren Rhythmen, mal chaotisch. Und in unser aller Leben gibt es Gelegenheiten zu erkennen, dass die Dinge vergehen, vergehen müssen, um Neuem Raum zu schaffen. Wir erneuern uns mit jedem Atemzug und wir sterben mit jedem Atemzug. Was für ein grandioses Geheimnis! Lohnt es sich da nicht, durch Aufmerksamkeit die Weisheit des Lebens wahrzunehmen, anzunehmen und in den eigenen Alltag bewusst zu integrieren?
Seit dreißig Jahren gebe ich zu wechselnden Themen Seminare, in vielen Städten Deutschlands, auch in Österreich und der Schweiz. Wie lange will ich dies noch tun? Reisen, in fremden Hotelbetten schlafen, ungewohntes Essen, viele Kilometer in wenigen Tagen zurücklegen? Ist es meinen innersten Bedürfnissen noch angemessen? Gehen Körper, Seele und Geist noch harmonisch Hand in Hand? Oder muss ich lernen mich zu verabschieden? Von dieser Stadt? Von jenem Seminarort? Zu sagen: hier war ich nun zum letzten Mal?
Wie fühlt sich das an? Was kommt danach? Nichts mehr - gähnende Leere? Neue Ideen? Andere Formen der Wissensweitergabe? Ich weiß es nicht. Ich stehe auf dem Sprungturm, 10 Meter über dem Wasser, das Brett wippt gewaltig, wage ich zu springen? Ins Bodenlose, Eintauchen in das Leben, wie es ist – für mich jetzt ist? Sterben üben …
Abends unter der Dusche – ist das wirklich noch mein Körper? Hier Falten, dort braune Flecken auf der Haut, die Füße – viel breiter als früher, die schmale Taille – Vergangenheit! Loslassen vom eigenen Bild des perfekten Seins, anerkennen, dass es andere Dinge gibt, die nachhaltiger, erstrebenswerter sind. Den Mittelweg finden zwischen sich selbst nicht wichtig nehmen und sich selbst Wert schätzen, so wie es mein Sein benötigt und verdient … Sterben üben.
Alte Freunde/Innen treffen, sie sind älter, einige Jahre älter, den Abschied in ihren Augen lesen. Sehen wir uns heute zum letzten Mal … Sterben üben.
Und all das Neue um mich herum – die neuen Formen des Vernetzt-Seins, der Kommunikation, des Austauschs, gehe ich mit, beschreite ich neue, für mich unbequeme Wege? Oder lasse ich sie ziehen, die Jüngeren, die Geschickteren, die Interessierteren - in eine mir fremde, mich ängstigende, herausfordernde Zukunft - in das Leben selbst?

Das Leben ist - und dazu gehört für mich - Sterben üben.


Montag, 19. Oktober 2015

Randnotiz: Realität und andere Kleinigkeiten

Neulich bin ich über einen Artikel in einer großen Tageszeitung gestolpert, die damit wirbt, nur kluge Köpfe würden dahinter stecken. Worum es ging ist - wir werden es gleich sehen - nicht so wichtig, ich dachte nur, ich würde mich mit dem behandelten Thema auskennen. Was Darstellung, Wahrnehmung und Realität betrifft, bin ich eigentlich nicht besonders naiv - vermutlich liegt das am Alter. Trotzdem kann ich mich bei der Lektüre mancher Artikel kaum gegen Zweifel wehren, ob nicht etwa ich derjenige bin, der völlig daneben liegt. Aber hey, da stecken kluge Köpfe dahinter. Sind das jetzt eigentlich die Zeitungsmacher oder die Leser? Und was genau machen die da, hinter der Zeitung?

Meine letzte Zuflucht in solchen Fällen ist ein Kalauer aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxie“ von Douglas Adams. Es handelt überraschender Weise von einem Reiseführer durch die Galaxie. Auf dem Umschlag des Reiseführers, so steht dort, ist zur Beruhigung der Leser die Aufschrift angebracht: „Keine Panik!“. Die Redaktion des Reiseführers soll auf Beschwerden von Reisenden über unzutreffende Information wie folgt eingehen: „Die Realität ist häufig ungenau. Maßgeblich sind die Angaben im Reiseführer.“

Wie fast immer haben es die Yogis und Weisen aus dem fernen Osten schon immer gewusst. Die sieben Schleier der Maya - diese Existenz - ist nichts als Illusion, auch wenn mir das angeschlagene Schienbein noch so weh tut. Realität ist Wahrnehmung plus Emotion und daher leider so beliebig wie sonst was. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, die Realität in der er lebt: nichts als eine Einflüsterung unserer Sinne und des Hormonhaushaltes - von ein paar nebensächlichen Tatsachen einmal abgesehen. Wer inneren und äußeren Frieden, gar die Freiheit sucht, sollte das im Auge behalten.

Ich sitze hier, mein Blick schweift über die sonnenbeschienene Riva Schiavoni und vor mir auf dem Tischchen steht der Campari zum Preis der schönen Aussicht. Klar, die Yogis haben Recht. Aber was mache ich, wenn ich statt der Spitze des Glockenturms von San Marco auf – sagen wir – ein Minarett in Fallujah sehen würde? Fallujah liegt etwa 70 km westlich von Bagdad und ist seit babylonischer Zeit besiedeltes Gebiet, eine Stadt mit etwa 200 Moscheen - und Schauplatz unzähliger Gefechte und Gräueltaten, jetzt gerade auch. Wer, warum, wann und weshalb – was spielt das für eine Rolle? Wenn ich da leben würde, wäre das einfach nur Pech gewesen? Steht mir in einer solchen Umgebung auch der Weg frei, mir meine Realität zu schaffen, den inneren Frieden zu finden? Spielt das eine Rolle für mich oder ist mein Sitzen in Venedig und mein Wissen über Falludjah nur Teil derselben Illusion - einer, in der neben der Schönheit auch das Wissen um Schreckliches enthalten ist? Lebt ein Mensch im Irak dann nur eine Illusion, in der die Kanäle von Venedig eben nicht vorkommen und sie deshalb auch nicht vermisst werden?

An anderer Stelle steht geschrieben, dass die Illusion sich nicht von der Realität unterscheidet. Was ich da verstehe ist: das Schienbein tut weh, weil es ein Schienbein ist und das Hindernis hart ist. Die Illusion kommt an der Stelle ins Spiel, wenn ich eine Meinung dazu habe, wenn ich Erklärungen dazu abgebe, warum das gerade mir, hier und jetzt passiert. Wenn der Schmerz eben nur der Schmerz und nichts anderes ist, dann habe ich eine Chance der Illusion ein Schnippchen zu schlagen. So oder so kann der Rat aber nur lauten: meide Hindernisse in Schienbeinhöhe, ganz gleich welche Meinung Du dazu hast. Alles andere gibt blaue Flecken.

Was hat dies nun mit inneren Frieden zu tun in einer Welt, die alles andere als friedlich ist? Wo geht es hier zur Freiheit? Die blauen Flecken sind der Schlüssel. Die Yogis sagen, friedlich und frei wirst Du dann, wenn Du die blauen Flecken blaue Flecken sein lässt, nach vorne schaust und tust was im Augenblick das Beste für Dich ist. Die Vergangenheit ist vorbei und wenn Du Dich selbst beschimpfst oder Dich am Hindernis rächst, dann haben die blauen Flecken Deine Zukunft geformt. Du aber wirst glauben, Du hättest eine Entscheidung getroffen, seist Täter, Opfer oder irgendwas dazwischen und genau das ist die Illusion. Deine ganz private, ausbaufähige Illusion. Wir geben dieser Illusion einen Namen: Realität. Keine Panik!

Dienstag, 11. August 2015

Ist Vergebung wirklich der Weg zum Glücklich-sein?


Das Buch „Forgiveness - the Path to Happiness” von Sandra Summerfield Kozak begleitet und beschäftigt mich seit Monaten. Ich will Dich auf dieses Buch aufmerksam und neugierig machen, so neugierig, dass Du es auch auf Englisch liest,  denn es liegt bisher noch keine deutsche Fassung vor. Einigen meiner Patienten habe ich es empfohlen und die Rückmeldungen lagen zwischen tiefem Berührt-sein und großer Begeisterung.

Sicher, auch in Deutschland gibt es seit einiger Zeit gute Literatur zum Thema Vergebung. Es gibt Seminare und Therapieangebote. Doch in so kurzer, übersichtlicher und klarer Form, wie in oben genanntem Buch, habe ich bisher noch nichts gefunden. Und so ist dieses Buch für mich zum idealen Einstieg in das Thema Vergebung geworden.

Zunächst erscheint Vergebung logisch und einfach: Ich vergebe (und vergesse)  und dann geht es mir gut.
Aber was ist Vergebung wirklich? Und wem muss ich vergeben? Und warum muss ich vergeben, wenn mir großes Unrecht widerfahren ist? Jetzt tauchen immer neue Fragen/Gedanken auf:
Wie kann ein Mensch in Syrien, im Irak, in Afghanistan oder an sonst einem Ort großen Grauens, wie kann ein Mensch in solch furchtbaren Umständen seinen Aggressoren vergeben? Ist das überhaupt denkbar, zumutbar, ist es jemals möglich? Und wenn die Antwort "Nein" lautet - was ist die Alternative?

Ein für mich beeindruckendes Beispiel für Vergebung gab in diesem Jahr die Jüdin Eva Kor, die dem 93-jährigen Oskar Göring, ehemals Buchhalter in Ausschwitz, im Gerichtssaal vergab. Sie übte (schon lange im Vorfeld) Verzeihen - nicht weil sie die Verbrechen an sich selbst oder all den anderen Juden vergessen hatte, sondern weil sie bewusst aus der Opferrolle aussteigen, weil sie durch den Akt des Verzeihen ein freies und glückliches Leben führen wollte.



Und doch: Warum ist Vergebung so schwer? Warum schrecken wir innerlich zurück, fühlen uns missverstanden, in unserem Leid nicht anerkannt, wenn wir hören oder lesen: Vergebe?
Ist es nicht so, dass wir aus unserer Sozialisation heraus automatisch erwarten, dass es so etwas wie eine grundlegende Gerechtigkeit gibt?
Wenn mir Unrecht widerfahren ist - wo bleibt dann die Gerechtigkeit, wenn ich vergebe?
Und wenn ich vergebe, bin ich dann nicht ein wenig besser, als der andere, dem ich vergebe? Dieser braucht nicht mehr vor der ewigen Gerechtigkeit zu zittern - denn ICH habe ja vergeben. Aber hat er/sie dies überhaupt "verdient"?
Steckt nicht ein wenig von diesen Gedankengängen in jedem von uns? Und wenn dem so ist, bin ich dann frei von dieser Verstrickung: Schuld und Sühne? Habe ich mit solchen Überlegungen nicht versucht mich über den Aggressor/in zu stellen? Habe also weiter an der Verstrickung gebastelt und bin nach wie vor unfrei?


Kann ich anerkennen, dass das Leben selbst Gerechtigkeit nicht kennt, dass das Leben einfach ist? Kann ich anerkennen, dass es außer: hier eine Ursache - dort eine Wirkung, nichts gibt, weder jetzt noch später? Kann ich anerkennen, dass ein Konzepte wie Gerechtigkeit, ein von Menschen gemachtes Konzept ist, um das Leben in seiner harten Konsequenz überhaupt zu ertragen?
Was also ist Vergebung wirklich?

Booker T. Washington, einst Sklave im alten Amerika und zu Kinderarbeit gezwungen, wurde später Lehrer am ersten College für Schwarze und war Berater von drei amerikanischen Präsidenten. Sein Motto lautete:
"Ich werde niemandem erlauben meine Seele herabzuwürdigen, indem er mich dazu bringt, ihn zu hassen".



Es steht jedem von uns frei, wie tief und umfassend sie/er sich auf Vergebung einlassen möchte. 
Ich wünsche Euch schöne, leichte, beschwingte Sommertage!











Samstag, 1. August 2015

Urlaub auf dem Balkon

Heute, am ersten Augustwochenende werde ich Urlaub auf dem Balkon machen.
Meistens bin ich keine "Süße" - ich liebe Oliven und gutes Bauernbrot.
Aber dieser Schokoladekuchen... an dem werde ich nicht vorbeikommen.


Er war schon der Hit beim letzten Seminar Frauensalon. Die Teilnehmerinnen baten mich, das Rezept auf meinen Blogg zu stellen - Voila´ hier ist es:

Der Schokoladenkuchen
Die Menge reicht für einen Kuchen von etwa 20 cm Durchmesser. Wir nehmen lieber eine Muffinform und machen daraus 12 kleine Kuchen wie auf dem Bild. Der Geschmack steht und fällt mit den Zutaten. Mit etwas gutem Vanilleeis und Schlagsahne wird daraus eine Versuchung, der man nur schwer widerstehen kann… solange man nicht die Kalorien zählt.
Zutaten:
200 g Schokolade (Tipp: Vivani Trinkschokolade pur)
125 g Butter geschmolzen
125 g Zucker (Tipp: Puderzucker aus Rohrzucker)
5 Eier Bioqualität getrennt
1 Teel. Backpulver
200 g Mandeln geschält, fein gerieben
1 Prise Salz, Messerspitze Kardamom, 10 – 15 Tropfen ätherisches Orangenöl
Zubereitung:
1.      Backofen auf 180 °C vorheizen
2.      Schokolade im Wasserbad langsam schmelzen – Trinkschokolade schmilzt am schnellsten.
3.      Butter und Zucker schaumig schlagen, Eidotter, Gewürze und Backpulver unterrühren.
4.      Flüssige Schokolade und Mandeln zugeben, gut verrühren.
5.      Eischnee unterheben und vorsichtig zu gleichmäßigem Teig rühren.
6.      Teig in die Form geben und etwa 15 -20 Minuten backen.
7.      In der Form auskühlen lassen.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Randnotiz: Hügel der Steineichen

Urlaub ist eine Geisteshaltung und ich finde, man sollte sich nicht allzu sehr mit Tatsachen oder sonstigen Details aufhalten. Es geht nicht darum zu wissen und zu verstehen sondern darum, die Seele baumeln zu lassen. Deshalb lese ich in der Regel keine Reisführer, jedenfalls nicht vorher. Manchmal macht mich das Eine oder Andere neugierig und dann, ja dann, lese ich etwas darüber.

Nehmen wir mal Montalcino. Eines Tages – es ist Pfingstsonntag - wollen wir morgens zu diesem Bilderbuchort. Auf dem Weg liegt die Abtei Sant´ Antimo, ein Kloster, welches vor etwa 500 Jahren pleiteging, weil der Abt eine Basilika nach dem Vorbild von Cluny bauen wollte. Was er da vorhatte wird klar, wenn man weiß, dass Cluny mit einer Schifflänge von 187 Metern die größte damals bekannte Kirche war. Die Basilika von Sant´ Antimo steht – jedenfalls soweit wie sie mit dem Vorhaben vor der Pleite gekommen sind - heute noch und ist ein Ort, an dem man die Magie sakraler Bauten spüren kann – wenn man will. Vor einigen Jahren haben sich dort französische Mönche nieder gelassen und sie beleben die Kirche zu ihren Stundengebeten mit gregorianischen Chorälen. Sie sind nur eine Hand voll und manche Stimme ist brüchig, aber ihre Hingabe bringt die alte Kirche zum Schwingen - und auch die paar Menschen, die sich dort einfinden.


In abgehobener Stimmung landen wir in Montalcino, Mons Ilcinus oder Hügel der Steineichen. Leere Gassen, ein paarTouristen, verschlafene Ladenbesitzer mit trüben Augen, nichts los hier, oder? Wo ist die nächste Bar, die einen guten Cappuccino serviert? Gegenüber vom Rathaus, hinter einer Steintreppe halb verborgen, ein kleines Lokal. Große Fenster, alte Möbel. Die Kaffeemaschine, ein Turm aus blank geputzten Kupfer mit Messingapplikationen. In Montalcino haben praktisch alle Ladengeschäfte, egal welcher Sparte, eine Weinabteilung, die Bars sowieso. Der Zusatz „… e Enoteca“ steht gefühlt an jeder Ladentür, selbst wenn Strickwaren angeboten werden.

In unserer kleinen Bar mit kupferner Kaffeemaschine stehen also die Wände voller Weinregale, der Tresen ist mit Süßigkeiten aller Art bedeckt. Es gibt hier nicht einfach Brioche. Es gibt sie mit Marmelade, Schokolade, Reispudding und „vuota“ – will heißen: ohne Inhalt. Lisetta heißt die rundliche Dame hinter dem Tresen und die meisten Kunden begrüßen sie wie ein Familienmitglied. Wir haben den Eindruck hier schauen die ganzen Verwandten vorbei und nutzen die Gelegenheit für Kaffee und etwas Süßes. Manche stehen nur da und unterhalten sich, ohne etwas zu sich zu nehmen.

Wenn man sich locker macht und etwas die Sprache versteht, partizipiert man am Leben. Dann hörst Du ewige Weisheiten wie: „… ich sag Dir, dem Wetter und den Frauen kann man keine Vorschriften machen …“ und kleine Gemeinheiten: „ … wie kommt eine so hässliche Mutter wie Du, zu so einem schönen Mädchen?“ Darauf die Antwort: „Es ist ein Junge!“ Oder man blickt in die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen: „  … weißt Du, das war doch damals, als Du mir fast die Wahrheit gesagt hättest?“ Diese Bar ist nicht einfach eine Bar. Sie ist ein soziales Medium aus dem analogen Zeitalter, ein Facebook im Renaissance-Look.

Ein paar Schritte weiter die Straße hinunter, ein kleiner Park, eingezwängt zwischen Häusern und Straßen, ein urbaner Schrebergarten, alte Bäume, penibel gepflegte Rabatten, ein Teich mit Goldfischen, Gartenzwergen und Akkordeonmusik vom Band. Ein älterer Herr, Strohhut, Krawatte, farblich passende Hosenträger, derbe Schuhe. Er harkt die Kieswege, zupft Unkraut, sammelt Laub ein. Wie müssen ratlos gewirkt haben, denn eine ältere Dame klärt uns auf. Dieser Herr dort pflegt diese öffentliche Parkanlage. Einfach so.

Wir schlendern weiter, zwei junge Männer verteilen Flugblätter: es geht um Kommunismus. Wie Kommunismus? Der mit der roten Fahne, Internationale und so? Ja klar sagen sie, was sonst? Sie lassen uns etwas verwirrt stehen, haben schneller als wir begriffen, dass wir nicht Zielgruppe sind.

Kaum ein paar Straßen weiter hören wir anschwellende Blasmusik. Am Ende einer langen Gasse bewegt sich eine Gruppe mit Instrumenten auf uns zu. Sag mal, was spielen die da? Je nun, Pfingstsonntag, der Heilige Geist steigt herab und zwar in Gestalt einer Taube. Genau: „La Paloma“ spielen sie. Wir trauen unseren Ohren nicht, aber es ist wirklich wahr. Und nein, es war keine offizielle Veranstaltung, was klar wird, als Gemeindepolizei, in Gestalt einer fesch uniformierten Dame, auftritt. Die Blasmusiker tun erschrocken, laufen auseinander, in die Arkaden hinein und spielen dabei aus Leibeskräften weiter. So wird das nichts mit dem Verstecken. Dann stehen alle um die Uniformträgerin herum, starten eine Charmeoffensive. Alles löst sich in Wohlgefallen auf, Konfliktlösung mit höherer Eingebung, sozusagen und … Blaskonzert vorbei.


Ja und die vielen Weinhandlungen haben natürlich auch einen Grund. Zurzeit ist die Fachwelt der Meinung, aus dieser Gegend käme der beste Rotwein der Toskana „Brunello di Montalcino“ genannt. Den Preisen nach zu urteilen kann es nicht anders sein.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Bilder sagen mehr als....

Freitag 15. Mai, wir starten in der Morgendämmerung in den ersehnten Urlaub.
Am Zirler Berg: Frühstück im Auto:


Danach geht es weiter, entlang des Gardasees, quer durch die Poebene nach La Spezia: Zwischenstation zum kurzen Verschnaufen, Ausruhen, Stadt besichtigen und Ausflug in die Cinque Terre (leider nicht mehr empfehlenswert - zu viele Menschen auf zu kleinem Raum)



Blick von der kleinen Terasse vor unserem Zimmer auf die Bucht von La Spezia


Eine unserer Lieblingsbeschäftigungen: 
Schöne Cafes besuchen - hier in der Innenstadt von La Spezia

Nach drei Tagen Kurzerholung geht es weiter über Pisa - wir wollen sehen, nicht nur über die Studie lesen...


Das ist viel amüsanter, da geht es nicht um Zahlen, hier kannst Du Damen aller Altersstufen bewundern, die auf den Umzäunungspfosten balancieren und komische Verrenkungen machen, damit DAS Foto entsteht, das tausendfach die Urlaubsfotogalierien ziert: Sie stützt den Turm!

Und dann begrüßt uns die Toskana im Mai: Blütenfülle, dank immer wieder einiger Regenstunden, kühle Nächte, warme Tage...


"Ginsterwasserfälle" entlang der Straßen


Die Cistrose, eine meiner Lieblingsblumen ...


Die Toskana auf verborgenen Seitenwegen...

und jeden Tag Vogelkonzerte, so voll und laut - ich ertappe mich eines frühen Morgens, wie ich Schlaf-trunken versuche den Tageslichtwecker mit Kuckucksruf abzustellen. Natürlich war der Wecker zuhause - dieser Kuckucksruf war original.

Wir üben uns auch in Historie:


Das im 13. Jahrhundert von einem reichen Edlen aus Siena gegründete Kloster Abbazia di Monte Oliveto Maggiore, berühmt für seinen Kreuzgang mit Fresken aus dem 14.Jahrhundert,

 sowie seiner Bibliothek

Mehr noch beeindruckte uns die Abtei Sant Antimo bei Montalcino, ein im 8. Jahrhundert von Benediktinern gegründetes Kloster.


Pfingstsonntagmorgen in Sant Antimo

Um diese Abtei ist die Landschaft so irreal schön, dass der Eindruck ensteht, in einem Gemälde spazieren zu gehen:


Das nahe gelegene Pienza, auch bei Regen ein toskanisches Bilderbuchstädtchen:



Zurück in die Natur: ein verschlungener Waldpfad in Gipfelnähe des Monte Amiata, ein erloschener Vulkan, höchster Berg der Südtoskana (1738 m)

Die uralten Granitfelsen, sie bilden kleine Familien und mächtige Versammlungen, Wehrmauern und Höhlen und sind Schutz für viele Tiere.
Hier aus diesem Berg entspringen die berühmten heißen Schwefelquellen, die Saturnia oder Bagno die Petriolo zu begehrten Badezielen machen. 
An einem der kühleren Tage besuchen wir

Bagno Vignone,
ein schon zur Zeit der Etrusker bekanntes Termalbad. Sein Marktplatz war im Mittelalter ein mit warmen Termalwasser vom Amiata gefülltes Badebecken. Heute darf dieses nur noch fotografiert werden, geplanscht wird in der "Wellness-Anlage" des nahe gelegenen Hotels:


Der Wasserfall mit gefühlten 50 Grad ist hier leider nicht zu sehen - ich spüre ihn noch immer.

Und dann noch ein Ausflug nach Albarese ans Meer. Der Tag verspricht sonnig und warm zu werden. Unser frühes Aufstehen wird mit einem traumhaft stillen, weiten Strand, fast ganz für uns alleine, belohnt:

Langer Strandspaziergang, baden im Meer und in der Sonne, Picknick in unserer "Strandmuschel", dann ziehen wir uns zurück und überlassen die Naturschönheit drei Bussen mit Schulklassen und vielen anderen Sonnenhungrigen. Auf dem Heimweg grüßt uns noch eine der berühmten weißen Büffelkühe der Maremma - Heimat des Mozarella


Die letzten drei Tage Toskana werden wir in unserem kleinen Ferienhaus bei Seggiano genießen


und den vielen Bildern Zeit geben, sich tief einzugraben und zu einer Kraftquelle werden, die in dunkleren Tagen Leuchtmarker sein wird.