Dienstag, 26. April 2016

... und plötzlich ist es Mai

Die Zeit ist einmal mehr im Flug vergangen. Vor fast 3 Monaten habe ich hier den letzten Eintrag geschrieben und nun frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Obwohl, das Wetter scheint auch noch etwas hinten an zu sein.


Die Zeit, was ist das eigentlich? Dichter und Denker, Wissenschaftler und Laien, kurz wir alle fragen uns das. Aber wie auch immer die Antwort lauten mag, meistens bleibt nur übrig: sie fehlt uns. Wenn viel zu tun ist, weil nicht alles hineinpasst, was man sich vorgenommen hat, sie fehlt uns wenn es schön ist, weil das Vergnügen zu kurz scheint. 
„Wenn in Eile, gehe langsam.“ – so lautet eine chinesische Spruchweisheit. Wir sagen: „Eile mit Weile.“
Tatsächlich ist es eine interessante Erfahrung, unter Termindruck Dinge bewusst langsam, aber kontinuierlich zu tun. Das Gehirn sperrt sich, Panik versucht sich breit zu machen, aber dann scheint sich die Zeit zu dehnen. Eine unwirkliche Ruhe kehrt ein und die Arbeit erledigt sich scheinbar von selbst.
„Gut gebrüllt Löwe!“ Aber was tun wenn man – so wie ich jetzt – merkt, dass die Zeit einfach weg ist? Dann schauen wir doch mal, ob die verschwundene Zeit Spuren hinterlassen hat. Ist irgendetwas angebrannt? Ist das zu schmiedende Eisen wieder kalt? Liegen da ein paar Scherben am Boden? 
Wie, die Welt hat sich einfach weitergedreht? Darf die Welt das?
Oh ja - und sie tut es auch. Schon lange. Sehr lange.


Am letzten Sonntag haben wir mit Hilfe von Freunden einen weißen Fleck auf unserer Landkarte erkundet. In der Nähe von Wessobrunn gibt es den Paterzeller Eibenpfad. Dort stehen seltene Exemplare der ältesten heimischen Baumart, den Eiben. Es ist ein Mischwald und die Eiben sind in der Minderheit, einige der etwa 2.000 Bäume sind entlang des Pfades hervorgehoben, aber die meisten entziehen sich dem flüchtigen Blick. Sie sind bis zu 1.000 Jahre alt aber höchstens 20 Meter hoch und werden von einer 50-jährigen Fichte locker in den Schatten gestellt. Manche sind hohl, andere gespalten, wieder andere umgestürzt. Die Eiben sind giftig, ungeheuer vital und alle scheinen eine Persönlichkeit zu haben. Wenn man die Hand an ihren Stamm legt spürt man etwas ... Zeitloses.




Sonntag, 14. Februar 2016

Randnotiz: Zeitgeist

Da klingelt ein etwa 20-jähriger Mann aus New York an der Türe, der Ostereier aus der Slowakei anbietet, um – wie er sagte - mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich meine: New York, Wien, Prag und dann … Türkenfeld? Ostereier? Dann, auf der Suche nach Haikus, die ich vor Jahren irgendwo notiert hatte, finde ich 35 Jahre alte Fotos. Aufgenommen zu einer Zeit, in der ich fast so jung war, wie der New Yorker Ostereierverkäufer. Kurz danach klingelt es an der Türe und da steht Hansi – ein Lama. Nein, kein tibetischer Schriftgelehrter, sondern ein südamerikanischer Vetter des Kamels. Ein Zirkus gastiert in der Nähe und Hansi ist auf Werbetour.
Ausgelöst durch ein Sammelsurium verschiedener Dinge und Ereignisse, die irgendwie vor langer Zeit in meinem Leben eine Rolle spielten, habe ich eine Art Flashback. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen sich die Sichtweise schlagartig verändert. So habe ich damals die Welt gesehen, so sehe ich sie heute. Was für ein Unterschied. Der junge Mann mit seinen Ostereiern: wäre ich in seinem Alter jemals auf so eine Idee gekommen? Nie und nimmer, aber was dann? 
Da war das Berufsleben. Es waren die wilden Tage der Computerindustrie. Das Buch „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas Hofstadter war Pflichtlektüre. Humor war von der Sorte „Per Anhalter durch die Galaxie“. Computer waren sperriges Schwermetall. Wenn die Tanten fragten: „Was machst Du denn beruflich, mein Junge?“ kam ich ins Stottern. Faxe versenden war der letzte Heuler und Internet Zukunftsmusik. Da konnten schon mal Dinge passieren, die nicht so geplant waren. Manchmal war es die Technik, manchmal Politik, aber öfter wusste keiner woran es genau lag – „Murphy’s Law“ genügte als Erklärung völlig. Die Welt stand offen und „The Sky is the Limit“ war das Mantra. Karriere war nicht Thema, das lief so nebenbei und war sowieso etwas anrüchig.
Wassermann-Zeitalter war angesagt: Psychotherapeuten, Schamanen, spirituelle Lehrer aller Richtungen hatten Köcher voller Methoden und Techniken im Angebot. Nichts war zu exotisch oder abgehoben: Atemtechniken, Schwitzhütten, Wirbeltanz, Feuerläufe, kaltes Wasser, warmes Wasser, in Höhlen, auf Gipfeln oder in der Wüste. Und dann die Ökologie, zurück zur Natur, die Erde bestellen und sich friedvoll von selbstgezogenen Gemüse ernähren. Es gibt kaum etwas, was wir ausgelassen haben. Da war die Idee Lamas zu züchten: Ich hatte eine amerikanische Fachzeitschrift abonniert, Farmen besucht, Vorschriften für die Haltung eruiert und wirtschaftliche Überlegungen angestellt. Ich mag diese Tiere, sie haben ein starkes Herz, sich riechen gut und sie schauen einen an, als könnten sie direkt in die Seele blicken.
Wenn ich so zurückschaue, möchte ich an einen ganz großen Schutzengel glauben. Wir haben das alles ohne nachhaltige Schäden überstanden, es war nie langweilig und wir können Geschichten erzählen. Ich hoffe, der junge Mann aus New York hat auch einen Schutzengel, damit er eines fernen Tages Geschichten erzählen, schmunzeln und an den Tag denken kann, als er Ostereier in Türkenfeld anbot. Die Welt fühlt sich ganz anders an als damals.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Ostereier

Faschingsdienstag, später Nachmittag, es wird dunkel...
Es läutet an der Türe. Ein kleiner Mann, dunkelhaarig, dunkle Augen, erdfarbene Haut. Er hält uns einen Korb entgegen: "Wollen Sie handbemalte Ostereier kaufen?
Die Denkmaschinerie springt an. Nordafrikaner! Vorsicht! Ich kaufe nichts an der Türe! Ist das eine Falle um ins Haus zu gelangen? Stehen andere dunkle Typen um die Ecke?
"Ich komme aus Amerika und bereise Europa" kommt es in tatsächlich amerikanisch gefärbten Deutsch. "Sprechen Sie Englisch?" 
"Sie kommen aus Amerika, um Ostereier zu verkaufen???" Wir sind verdutzt, neugierig und  - Gott sei Dank - gemeinsam nicht sehr ängstlich. Die Unterhaltung wird auf Englisch weiter geführt. 
"Ja, ich bin Student und will die Menschen in Europa kennen lernen." Wir bitten den kleinen Mann herein, bieten ihm ein Glas Wasser an und er schenkt uns eine Stunde spannendes Mitreisen kreuz und quer durch Italien, Österreich, Deutschland. Seine Eltern sind nach Amerika ausgewandert. Sein Vater Italiener, seine Mutter Japanerin - klein, quadratisch, dunkelhaarig - heute keine leichte Reisekleidung, um offene Ohren und Türen zu finden.
Die handgemalten Ostereier - von einer Freundin aus der Slowakei - wunderschön - auch sie verdient ein wenig mit. 

Aber für Alex sind sie hauptsächlich der Türöffner, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Er verkauft so wenige, dass die Finanzierung seiner Reise damit utopisch wäre. Vor Weihnachten lagen in seinem Körbchen Kerzen - da sprach er mit Menschen in Südtirol und staunt noch heute, dass diese dort ganz natürlich Italienisch und Deutsch sprechen und manche sogar Ladinisch...

Aschermittwoch - die Eier liegen zum Verschenken bereit. Es sind die ganz großen, die Gänseeier. Ihr Geist bewacht das Haus und lässt Menschen mit fröhlichen Herzen, spontanen Ideen und großer Neugier auf das Leben willkommen herein.
Danke Alex für die spannende gemeinsame Zeit und gute Reise!

Mittwoch, 6. Januar 2016

Einmal Zimmer streichen oder besser gleich umziehen?

Drei Töpfe Farbe, viel Weiß, wenig Gelb, etwas Blau, Abdeckfolien, Pinsel, so schwierig kann dies doch nicht sein... Donato und ich sind, was Renovierungsarbeiten betrifft, ein seit 35 Jahren gut eingespieltes Team.

Wie immer, steckt die Tücke im Detail, sprich in all den vielen, vielen Handgriffen, die wir vorher nicht explizit planen konnten.

Was bedeutet es die "Schaltzentrale" der Mozartstraße 6 völlig neu zu gestalten? Die vielen Kabel abzubauen, zu sortieren, neu zu strukturieren? Was bedeutet es, neue Möbel zusammen zubauen, die jetzt darauf warten mit Ordnern, Hängekarteien, Schachteln und Schächtelchen gefüllt zu werden? Und die alten Kästen? Ab in den Keller? Dort warteten noch ältere Kästen, um gesichtet und entsorgt zu werden...

Nun, Ihr könnt Euch vorstellen, dass dieses Projekt nicht in fünf Tagen zu erledigen war. Keller-räumen beschäftigt uns seit zwei Monaten. Auf dem Wertstoffhof warteten sie mittlerweile schon mit dem Schließen, wenn wir nicht wenigstens einen Müllsack vorbei gebracht hatten.

Die letzten Monate in 2015 waren für uns eine herausfordernde, aber auch besondere Zeit. Es war ein großes Aussortieren, Ausräumen, uns frei machen von Altlasten. Dieses Aus- und Aufräumen empfehle ich sonst immer in meiner Praxis - auf Körperebene mit Hilfe kraftvoller Tröpfchen... Hier half nur zähes "Dranbleiben", Putzeimer, Staubsauger und konsequentes Entsorgen. Na ja, und natürlich auch der eine oder andere Cappuccino zwischendurch.


Wir freuen uns - denn es hat sich gelohnt. Donatos Büro ist in unseren Augen wunderschön geworden, viel leichter, viel fröhlicher als zuvor. Jetzt gibt es dort auch einen kleinen Bistrotisch für unsere Cappuccino-Pausen (nicht im Bild - bleibt verborgen). Aus-Zeit, in der Bilder und Vorstellungen für Präsentationen geschmiedet werden, Texte für Zeitungen und Handouts "auftauchen". Hier ist die Traumschmiede neuer Gartengestaltung, unbekannter Urlaubsorten, für Wanderrouten und Einladungen... Wir haben wieder ein "Zuhause" in einer sich völlig neu anfühlenden Umgebung - Raum für Kreativität ist geschaffen.


Wir sind umgezogen von 2015 nach 2016.  Es war ein weiter Weg....
Ich wünsche Euch Allen ein gesundes, kreatives und kraftvolles neues Jahr!

Freitag, 18. Dezember 2015

Wintersonnwend 2015

Jeden Morgen brennen die Lampen länger in den Vormittag hinein. Nachmittags begrüßt eine dicke brennende Kerze vor der Haustüre die Patienten - es dämmert schon wieder...
Wie lange dauert es denn noch bis zur Sonnenwende? Wann endlich haben wir 21.Dezember???

Wintersonnenwende - für mich ein ganz wichtiger "innerer" Feiertag, mein persönliches Weihnachtsfest. Ich will mit Ihnen eine Geschichte teilen, die mir vor vielen Jahren, ich weiß nicht mehr wo, zugetragen wurde:

Unsere Vorfahren, vor vielen, vielen Hunderten von Jahren, waren der Meinung, dass die Wiederkehr des Lichtes nicht selbstverständlich ist. Sie hielten es für möglich, dass die Welt in eine nicht enden wollende Dunkelheit abgleitet. Als die Tage nur noch sehr, sehr kurz waren begannen sie zu fasten. Sie wollten sich ganz leicht machen, damit sich Mutter Erde wieder dem Licht - der Sonne - zuwenden kann.

Ich gebe zu, vielleicht mussten sie fasten, da die Nahrung immer spärlicher wurde. Aber warten Sie ab, wie die Geschichte weiter geht. 

Am dunkelsten Tag feierten sie dann folgendes Ritual: 
Alle Menschen gingen zur "heiligen Höhle". Das war ein Felsspalt oder eine tatsächliche Höhle, auf deren Eingang genau zur Wintersonnwend-Mittagzeit die spärlichen Sonnenstrahlen fielen (wenn sich die Sonne denn zeigte an diesem Tag). Diesen besonderen Sonnenstand hatten sie über viele Jahre Beobachten herausgefunden.
Und dort warteten sie, auf das Licht, auf das, was ihr Herz aufleuchten ließ. Und dann, genau dann, wenn die Sonne auf den Höhleneingang fiel, kam eine junge Frau aus der Höhle getreten und sie trug ein kleines Kind auf dem Arm. 

Und die Menschen wussten: Mutter Erde hat es wieder einmal geschafft - sie hat sich dem Licht zugewendet.
Und dann feierten sie. In der Geschichte heißt es drei Tage lang. Sie feierten und aßen sich voll, bis die Bauchschwarte spannte und waren zuversichtlich, die noch folgenden dunklen Tage gut zu überleben, bis es wieder lichter, heller, wärmer wurde...

In diesem Sinne - am kommenden Montag einen Wintersonnwendtag mit etwas Zeit zum Innehalten. Machen Sie sich leicht, helfen Sie Mutter Erde, sich wieder dem Licht zuzuwenden.
Und dann einen fröhlichen Jahresabschluss.
Ich grüße Euch/Sie mit einem Bild der letzten Rosen aus unserem Garten - November 2015 - sie werden wieder kommen!



Dienstag, 17. November 2015

Sterben üben

Sterben üben

Ganzheitliche Trauer- und Sterbebegleitung, drei Jahre lang durfte ich mit sieben Co-Autorinnen an einem Buch zu diesem Thema schreiben. Wir sind gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Danach konnte ich zunächst keinen Artikel, kein Buch mehr zu diesem Thema lesen, ich konnte das Wort Sterben nicht mehr hören. Drei Jahre Sterblichkeit als zentrales Thema waren mir zunächst zu viel … doch sie waren prägend und dafür bin ich sehr dankbar.
Ich bin älter geworden, je nach Lebensperspektive würden einige sagen, dass ich alt bin. Selbst empfindet man das Alt-werden zunächst gar nicht. So einige Zipperlein, die gab es schon länger, ich maß ihnen zunächst keine Bedeutung zu.
Im Kopf bin ich immer noch 25 und erwarte von mir entsprechende Leistungen. Ich bin ein wenig beleidigt, wenn es im Alltag dann doch nicht so schnell geht, oder wenn ich nach erfülltem Plan ein, zwei Tage erschöpft bin. Hat das mit Alt-werden zu tun?
Irgendwann in den letzten Monaten begriff ich, es geht tatsächlich nicht mehr alles so wie bisher. Da musste ich mir eingestehen, dass die Schmerzen daher kommen, dass ich mich übernommen habe, beim Wandern, beim Putzen, beim morgendlichen Körpertraining. Mein Körper bockt! Auch beim Essen – die Umstellung kam schleichend – nicht mehr so viel Fett, nicht mehr so große Portionen, nicht mehr so spät am Abend… die Lieblingsspeisen liegen schwerer auf, ein wenig Enzyme hier, ein wenig Bitterstoffe da. Auf einmal sah ich mich umgeben von Fläschchen und Flaschen – ganz wie Oma damals …
Der aktive Lebensabschnitt im Außen neigt sich unerbittlich dem Ende entgegen - was kommt jetzt, was kommt danach? Sterben üben … schießt es mir durch den Kopf. Ja genau, was ich hier wahrnehme ist Sterben im Kleinen: Loslassen von liebgewordenen Gewohnheiten, von bewährten Arbeitsschritten, von durchorganisierten Wochenplänen. Es war schon immer da – doch habe ich es bisher nie so deutlich bemerken wollen – dieses Auflösen gewohnter Strukturen, dieses Platz machen für unbekanntes Neues.


Ich lade Sie ein, gemeinsam mit mir einen Schritt zurück zu treten und mit etwas mehr Abstand auf das eigene Leben schauen. Ich lade Sie ein, dies auch zu tun wenn Sie noch ganz jung sind und/oder einen gewaltigen inneren Widerstand spüren. Warum? Sterben ist das einzige, was uns in unserem Leben sicher ist - alles andere ist es nicht. Wenn ich diesen Gedanken zulasse, dann ist eine heilsame Konsequenz daraus, mich auf das einzig Sichere, das große Finale, vorzubereiten, in meinem Tempo, meinem Wesen entsprechend, in kleinen Schritten.
Das Leben ist weder gut noch schlecht, weder freundlich noch unfreundlich, weder gerecht noch ungerecht, das Leben ist. Und es gibt uns täglich Gelegenheiten zu lernen, zu üben, zu achten und zu beobachten – es kommt und geht – mal in absehbaren Rhythmen, mal chaotisch. Und in unser aller Leben gibt es Gelegenheiten zu erkennen, dass die Dinge vergehen, vergehen müssen, um Neuem Raum zu schaffen. Wir erneuern uns mit jedem Atemzug und wir sterben mit jedem Atemzug. Was für ein grandioses Geheimnis! Lohnt es sich da nicht, durch Aufmerksamkeit die Weisheit des Lebens wahrzunehmen, anzunehmen und in den eigenen Alltag bewusst zu integrieren?
Seit dreißig Jahren gebe ich zu wechselnden Themen Seminare, in vielen Städten Deutschlands, auch in Österreich und der Schweiz. Wie lange will ich dies noch tun? Reisen, in fremden Hotelbetten schlafen, ungewohntes Essen, viele Kilometer in wenigen Tagen zurücklegen? Ist es meinen innersten Bedürfnissen noch angemessen? Gehen Körper, Seele und Geist noch harmonisch Hand in Hand? Oder muss ich lernen mich zu verabschieden? Von dieser Stadt? Von jenem Seminarort? Zu sagen: hier war ich nun zum letzten Mal?
Wie fühlt sich das an? Was kommt danach? Nichts mehr - gähnende Leere? Neue Ideen? Andere Formen der Wissensweitergabe? Ich weiß es nicht. Ich stehe auf dem Sprungturm, 10 Meter über dem Wasser, das Brett wippt gewaltig, wage ich zu springen? Ins Bodenlose, Eintauchen in das Leben, wie es ist – für mich jetzt ist? Sterben üben …
Abends unter der Dusche – ist das wirklich noch mein Körper? Hier Falten, dort braune Flecken auf der Haut, die Füße – viel breiter als früher, die schmale Taille – Vergangenheit! Loslassen vom eigenen Bild des perfekten Seins, anerkennen, dass es andere Dinge gibt, die nachhaltiger, erstrebenswerter sind. Den Mittelweg finden zwischen sich selbst nicht wichtig nehmen und sich selbst Wert schätzen, so wie es mein Sein benötigt und verdient … Sterben üben.
Alte Freunde/Innen treffen, sie sind älter, einige Jahre älter, den Abschied in ihren Augen lesen. Sehen wir uns heute zum letzten Mal … Sterben üben.
Und all das Neue um mich herum – die neuen Formen des Vernetzt-Seins, der Kommunikation, des Austauschs, gehe ich mit, beschreite ich neue, für mich unbequeme Wege? Oder lasse ich sie ziehen, die Jüngeren, die Geschickteren, die Interessierteren - in eine mir fremde, mich ängstigende, herausfordernde Zukunft - in das Leben selbst?

Das Leben ist - und dazu gehört für mich - Sterben üben.


Montag, 19. Oktober 2015

Randnotiz: Realität und andere Kleinigkeiten

Neulich bin ich über einen Artikel in einer großen Tageszeitung gestolpert, die damit wirbt, nur kluge Köpfe würden dahinter stecken. Worum es ging ist - wir werden es gleich sehen - nicht so wichtig, ich dachte nur, ich würde mich mit dem behandelten Thema auskennen. Was Darstellung, Wahrnehmung und Realität betrifft, bin ich eigentlich nicht besonders naiv - vermutlich liegt das am Alter. Trotzdem kann ich mich bei der Lektüre mancher Artikel kaum gegen Zweifel wehren, ob nicht etwa ich derjenige bin, der völlig daneben liegt. Aber hey, da stecken kluge Köpfe dahinter. Sind das jetzt eigentlich die Zeitungsmacher oder die Leser? Und was genau machen die da, hinter der Zeitung?

Meine letzte Zuflucht in solchen Fällen ist ein Kalauer aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxie“ von Douglas Adams. Es handelt überraschender Weise von einem Reiseführer durch die Galaxie. Auf dem Umschlag des Reiseführers, so steht dort, ist zur Beruhigung der Leser die Aufschrift angebracht: „Keine Panik!“. Die Redaktion des Reiseführers soll auf Beschwerden von Reisenden über unzutreffende Information wie folgt eingehen: „Die Realität ist häufig ungenau. Maßgeblich sind die Angaben im Reiseführer.“

Wie fast immer haben es die Yogis und Weisen aus dem fernen Osten schon immer gewusst. Die sieben Schleier der Maya - diese Existenz - ist nichts als Illusion, auch wenn mir das angeschlagene Schienbein noch so weh tut. Realität ist Wahrnehmung plus Emotion und daher leider so beliebig wie sonst was. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, die Realität in der er lebt: nichts als eine Einflüsterung unserer Sinne und des Hormonhaushaltes - von ein paar nebensächlichen Tatsachen einmal abgesehen. Wer inneren und äußeren Frieden, gar die Freiheit sucht, sollte das im Auge behalten.

Ich sitze hier, mein Blick schweift über die sonnenbeschienene Riva Schiavoni und vor mir auf dem Tischchen steht der Campari zum Preis der schönen Aussicht. Klar, die Yogis haben Recht. Aber was mache ich, wenn ich statt der Spitze des Glockenturms von San Marco auf – sagen wir – ein Minarett in Fallujah sehen würde? Fallujah liegt etwa 70 km westlich von Bagdad und ist seit babylonischer Zeit besiedeltes Gebiet, eine Stadt mit etwa 200 Moscheen - und Schauplatz unzähliger Gefechte und Gräueltaten, jetzt gerade auch. Wer, warum, wann und weshalb – was spielt das für eine Rolle? Wenn ich da leben würde, wäre das einfach nur Pech gewesen? Steht mir in einer solchen Umgebung auch der Weg frei, mir meine Realität zu schaffen, den inneren Frieden zu finden? Spielt das eine Rolle für mich oder ist mein Sitzen in Venedig und mein Wissen über Falludjah nur Teil derselben Illusion - einer, in der neben der Schönheit auch das Wissen um Schreckliches enthalten ist? Lebt ein Mensch im Irak dann nur eine Illusion, in der die Kanäle von Venedig eben nicht vorkommen und sie deshalb auch nicht vermisst werden?

An anderer Stelle steht geschrieben, dass die Illusion sich nicht von der Realität unterscheidet. Was ich da verstehe ist: das Schienbein tut weh, weil es ein Schienbein ist und das Hindernis hart ist. Die Illusion kommt an der Stelle ins Spiel, wenn ich eine Meinung dazu habe, wenn ich Erklärungen dazu abgebe, warum das gerade mir, hier und jetzt passiert. Wenn der Schmerz eben nur der Schmerz und nichts anderes ist, dann habe ich eine Chance der Illusion ein Schnippchen zu schlagen. So oder so kann der Rat aber nur lauten: meide Hindernisse in Schienbeinhöhe, ganz gleich welche Meinung Du dazu hast. Alles andere gibt blaue Flecken.

Was hat dies nun mit inneren Frieden zu tun in einer Welt, die alles andere als friedlich ist? Wo geht es hier zur Freiheit? Die blauen Flecken sind der Schlüssel. Die Yogis sagen, friedlich und frei wirst Du dann, wenn Du die blauen Flecken blaue Flecken sein lässt, nach vorne schaust und tust was im Augenblick das Beste für Dich ist. Die Vergangenheit ist vorbei und wenn Du Dich selbst beschimpfst oder Dich am Hindernis rächst, dann haben die blauen Flecken Deine Zukunft geformt. Du aber wirst glauben, Du hättest eine Entscheidung getroffen, seist Täter, Opfer oder irgendwas dazwischen und genau das ist die Illusion. Deine ganz private, ausbaufähige Illusion. Wir geben dieser Illusion einen Namen: Realität. Keine Panik!